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Buchtipp: Jugendkultur-Guide


Ein Überblick über die Jugendszenelandschaft in Österreich

Am 4. April 2002, wurde in den Räumlichkeiten des ÖBV-Verlages der neue Jugendkultur-Guide von Beate Großegger und Bernhard Heinzlmaier präsentiert. Die beiden AutorInnen sind seit vielen Jahren im Bereich der Jugendkulturforschung tätig und legen mit diesem Buch einen Überblick über die heutige Jugendszenelandschaft in Österreich vor.

Daraus, dass bereits heute diese Rezension erscheint, ist mit Recht zu schließen dass es sich nicht um ein dickes Buch handelt. Auf knapp 180 Seiten wird eine Einführung in jugendliche Szenewelten geboten, prägnant und unter weitgehendem Verzicht auf soziologischen Fachjargon. Schließlich richtet sich das Werk an all jene, die sich um ein besseres Verständnis von Jugendlichen bemühen, seien es Eltern, Lehrer und JugendarbeiterInnen, aber auch Marketingleute. Vorkenntnisse in Szenetheorie werden weder verlangt noch vorausgesetzt.

Die allgemeine Einleitung zu Beginn verfolgt die Geschichte der heutigen Jugendszenen seit ihren Ursprüngen in den rebellischen Jugendkulturen der 60er und 70er Jahre, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten vorwiegend zu Freizeitszenen gewandelt haben, in denen das Aufbegehren so gut wie keine Rolle mehr spielt. Die heutigen Szenen sind offene Netzwerke, in die man – Interesse vorausgesetzt – jederzeit eintreten und die man auch jederzeit wieder verlassen kann. Auch die Zugehörigkeit zu mehreren Szenen ist nicht ungewöhnlich. Eine starke Bindung zu einer oder mehreren Szenen haben Jugendliche derzeit im Alter von etwa 10-20 Jahren; davor hat die Bindung ans Elternhaus Priorität, danach Beruf, eigene Familie, also das "Erwachsen sein".

Die zahlenmäßig stärksten Szenen die sich den großen Gruppen der Musik-, Funsport- und New Media-Szenen zuordnen lassen werden im ersten Teil vorgestellt. Alle Szenen können sich in die den Szenecode definierende Kernszene, die aktiven Konsumenten und die zahlenmäßig große, aber wenig im Szeneleben verhaftete Mainstreamszene gegliedert werden. Medien – vor allem das Internet – spielen eine große Rolle in der Kommunikation und Selbstpräsentation der Szenemitglieder.

Im zweiten Teil des Buches stellen die AutorInnen die wichtigsten Szenen im Detail vor. Es sind dies im Musikbereich die HipHopper, Technos und Metal-Fans, die Funsport-Szenen der Snowboarder, Skateboarder und Beachvolleyballer sowie die Computerszenen der Chatter und Spieler. Den Abschluss bildet eine Untersuchung der zahlenmäßig kleinen, aber in den Medien oft präsenten und meist negativ besetzten Subkulturen der Skinheads, Gothics und Punks, die sich von den anderen Szenen durch stärkere ideologische Durchdringung unterscheiden. Sie sind die letzten Überbleibsel der frühen rebellischen Jugendkulturen.

In den einzelnen Kapiteln werden, mehr oder weniger detailliert, die Entwicklungsgeschichte und heutige demografische Zusammensetzung der jeweiligen Szene, das Lebensgefühl, die Werte und Interessen der Mitglieder dargestellt. Zahlreiche O-Ton-Zitate von Szenejugendlichen, Auflistungen der wichtigsten Szenevokabeln und Szenemarken sowie Beispiele der wichtigsten musikalischen Interpreten, teilweise mit Textstellen, runden die Beschreibung ab. Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Szenen werden klar und übersichtlich herausgearbeitet. Der/die LeserIn gewinnt ein sehr plastisches Bild davon, was die modernen Jugendkulturen "im Innersten zusammenhält", warum Jugendliche sich in diesen Umfeldern engagieren und einen großen Teil ihrer Freizeit und ihres Taschengeldes in ihr Szenedasein investieren.

Die unterschiedliche Rolle von Burschen und Mädchen wird zwar ebenfalls angesprochen – so sind Snowboarder durchaus geschlechterdemokratisch, Skateboarder und HipHopper aber klar männlich dominiert, ganz zu schweigen von den Skinheads. Die interessante Frage nach mädchendominierten Szenen bleibt aber unbeantwortet, abgesehen von den Chattern, die vorwiegend weiblich sind.

Eine Schwäche des Buches soll nicht unerwähnt bleiben, die mir natürlich besonders auffällt, weil ich ständig mit dem Thema Neue Medien befasst bin: die Beschreibung der Computerszene, einer der fünf grössten Jugendszenen Österreichs, nimmt relativ geringen Raum ein, weniger als die pittoresken aber zahlenmäßig unbedeutenden Gothics. Das mag daran liegen, dass es zu den jugendlichen Computernutzern als Szene – also über ihr Selbstverständnis, ihre Werthaltungen etc. – noch relativ wenige Daten gibt, weil sie erst seit wenigen Jahren überhaupt als Szene wahrgenommen werden. Dennoch ist die im Vergleich zu den Musik- und Sportszenen eher oberflächliche Behandlung der intensiven Computernutzer bedauerlich, angesichts der Tatsache, dass Computer und Internet mittlerweile auch für die Kommunikation der Sport- und Musikszenen entscheidende Bedeutung erlangt haben.

Was mich zu einem weiteren Versäumnis führt: zwar findet sich ein ausführlicher Anhang mit Service-Internet-Adressen aus allen Bundesländern, doch Links zu Szeneseiten sucht man vergeblich. Diese finden sich zwar bei www.jugendkultur.at in der "digital library", aber manchen mag die Suche nach entsprechenden Seiten doch zu umständlich sein. Ebenso gibt es keine Angaben zu weiterführender Literatur. Schade.

Abschließend ist also zu resümieren: wer Jugendliche besser verstehen will, über keine oder geringe Kenntnisse im Bereich der Jugendszenen verfügt und eine klare und fundierte Einführung in die Thematik sucht, ist mit diesem Buch gut bedient. Als Ausgangspunkt einer tiefer gehenden Recherche ist es wenig geeignet – dies war aber wohl auch nicht beabsichtigt.

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